In einer Nacht, am Strand

Jetzt ist sie angekommen, die Seele Europas. Sie sitzt auf einem Felsen auf der Isla de las Palomas, die südlichste Spitze Europas. Hinter ihr die Mauern der Festungsanlage, die weissen Häuser von Tarifa, der letzte Ausläufer Andalusiens, vor ihr der Estrecho von Gibraltar, zum Greifen nah die nördliche Küste Afrikas.

Die Seele Europas ist von weit her gekommen, zu Fuss quer durch den Kontinent.Sie hat ihr Bündel auf den Felsen gelegt, leichtes Gepäck: ein paar Kleider, ein zerfleddertes Exemplar der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, aber kein Reisedokument, kein Pass.Die Seele Europas wurde auf ihrer Reise mehrmals angehalten, weil sie sich nicht ausweisen konnte, wurde eingesperrt, eingeschüchtert, geschlagen; und hat sich bei der Befragung vor Gendarmen, vor Guardia Civiles auf ihr Recht als Person berufen, auf ihre Freiheit qua Mensch, in Lille ebenso wie in Perugia, in Gent auch und in Triest. Nicht deshalb liess man sie immer wieder frei, man wusste nur einfach nicht, wohin sie ausschaffen, sie, die Seele Europas.Nun hockt sie da, überblickt den Estrecho und wartet auf das Einbrechen der Nacht.

Sie hat sich eine Decke über die Schultern gelegt, verfolgt die Positionslichter der Schiffe, grün, rot, weiss. Ein Containerschiff, Cargo China, ein tief liegender Öltanker, zwei Trawler, unterwegs zu den Fischgründen vor der Küste Senegals, vermutlich.

Die Seele Europas weiss, dass sie in der Nacht kommen, immer in der Nacht, und viele landen an der Playa de los Lances, dem langgezogenen Strand hinter Tarifa. Sie weiss um ihre Zahl, tausende, abertausende in den letzten Jahren, vom anderen Kontinent hinübergesetzt in Schaluppen, kaum seetaugliche Pateras, wie die Spanier sagen; viele kommen lebendig an, andere werden angeschwemmt.Sie steht auf, die Seele Europas, kraxelt über die Felsen, geht langsam den Mauern der Festung entlang, lauscht.

Sie erinnert sich an all die, welche hier ihren Fuss auf den alten Kontinent gesetzt haben, an die Phönikier, die als erste auf der Isla de las Palomas siedelten, sie denkt an jenen Tarif ibn Malik, der im Jahr 710 als erster Sarazene hier Fuss fasste, sie denkt an die vielen, die während der Conquista hier landeten und weiterzogen, und daran, wie viele hier durchgingen, auch in der entgegengesetzten Richtung.

Die Seele Europas streicht der Mauer der Festung entlang, jetzt möchte sie die Stimmen hören der Eingeschlossenen, hier, im Centro de Internamiento para Imigrantes; die Stimmen jener, die übers Meer kamen, aufgegriffen wurden irgendwo, der Guardia Civíl in die Arme liefen, ihre Erzählungen von der Reise, ihre stillen Hoffnungen, ihre Ängste. Sie geht weiter, über den schmalen Damm, hinüber zur Playa de los Lances, setzt sich auf einen Baumstrunk, wartet wieder, den Blick aufs Meer.

Bis nach Mitternacht wartet sie. Dann sieht sie das erste Boot kommen, es dümpelt auf den Wellen, wird auf den Strand geschoben. Menschen straucheln, fallen über Bord, und die Seele Europas eilt zu ihnen, stützt da einen geschwächten Mann, nimmt dort eine ältere Frau bei der Hand, sie greift nach einem Kind, das schläft, als ob nichts wäre, in Decken gehüllt.

Sie hilft, die ganze Nacht hindurch, und sie ist nicht allein, da sind viele Helfer, Einheimische.

Die Seele Europas heisst égalité, und auch sie ist einmal eingewandert, hierher, lange ist es her.

 

Christoph Keller is Zwitsers journalist en schrijver.
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